Mittwoch, 2. April 2008

verschissen

Du sitzt wieder da und kannst deine Hände nicht von mir lassen. Ich entwinde mich; ich will alleine meine Haarsträhnen verzwirbeln, meine Wimpern ausreißen, meine Arme zerkratzen. Und als ich also gehe, höre ich dich noch verzweifelt-hysterisch kreischen und denke: "Es ist viel zu hell hier". Mir brennt die Retina, die Kehle und in mir die Sehnsucht. Ein Schluck, ein Zug, eine Spritze. Was ist dein Glück mir wert?
Als ich dir Tür schließe und mich zum ersten Mal nicht nach dir umdrehe, als ich in den folgenden Tagen deine Anrufe, deine Briefe, deine erbärmlichen Betteleien ignoriere, erst dann wird mir klar, dass ich gegangen bin.
Oh, ich will dich nur vergessen. Im Regen unter Straßenlaternenlicht, im Sturm auf der Deichkrone, unter der Sonne auf dem alten Feldweg, den du nie mit mir gegangen bist und der mir deswegen ganz allein gehört, unter den Sternen in meinem Bett. Aber du klebst in den Bettfedern, zerrinnst bittersüß zwischen meinen Fingern, doch bleibst fragmentweise unter meinen Nägeln hängen, auf den Zähnen; denn du bist in der geatmeten Luft und zwischen den Nasenhärchen. Ich verbrenne nichts - anders als ich mir vorgenommen hatte. Nach ein paar Tagen schon sitze ich auf einer Mauer, fußwippend und allein, im Gesicht leicht gerötet von frühlingshafter Sonne, die Zuschauerränge in Fußballstadien erwärmt, und lächle jedem Lockenkopf heimlich hinterher.

An einem anderen Tag betrachte ich seine buschigen Augenbrauen und seine vollen, geschwungenen Lippen. Ich erkenne ihn sofort wieder. Als ich ihn höre, trifft mich fast der Schlag. Ja, das ist die gleiche Mundart wie damals und es ist immer noch der Mensch, der es einmal war.

Keine Ahnung, ob das bei mir genauso ist.
Ich hoffe nicht und manchmal hoffe ich es doch, hoffe, dass irgendeine Eigenart an mir liebenswert ist und wiedererkannt wird und hoffe, dass sich jemand in mich verliebt, in den ich mich auch verlieben könnte. Krank. Irgendwie.

Ich will mich nicht mehr selbst zerstören, obwohl mir manchmal schrecklich langweilig ist, ich kaum aus dem Bett komme und sich alle Glieder schwer anfühlen.
Ich weiß ja, da sind auch andere Momente.
Tage, an denen ich mit eisernem Willen einen Weg gehe und auf einmal die Sonne auf mein Haupt scheint. Tage im Schwimmbad, Tage, an denen ich abends vom Bahnhof nach Hause hüpfe. Tage, an denen ich beim Autofahren so laut singe, dass mich Fußgänger komisch anstarren. Tage, an denen ich neue Wörter lerne oder an meine Zukunft denke.
Ich glaub, ich will das alles wirklich nicht mehr zerstören.

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