Samstag, 15. März 2008

Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel [Ausschnitte]

"Es scheint Leute zu geben, die nicht an die Liebe auf den ersten Blick glauben; auch wenn sie nicht immer buchstäblich durch den allerersten Blick ausgelöst wird, lässt sich nicht leugnen, dass man die gegenseitige Anziehung sehr schnell spürt [...]." S. 28

"Du bist jemand, der eine völlig unnormale Offenheit besitzt. Ich weiß nicht, ob irgendein besonderes Ereignis in deinem Leben dafür verantwortlich ist oder ob es durch deine Erziehung oder sonst was ausgelöst wurde; auf jeden Fall besteht kaum die Chance, dass sich so ein Phönomen in dieser Generation wiederholt. Die Leute brauchen dich tatsächlich, mehr als du sie brauchst [...]. Wir versuchen eine Welt zu propagieren, in der sich die Leute nur noch für gekünstelte, oberflächliche Dinge interessieren; Ernst oder Humor haben darin keinen Platz mehr, stattdessen stürzen sich die Leute bis zu ihrem Tod in eine Suche nach fun und Sex, die immer verzweifelter wird, eine Generation von endgültigen kids." S. 33
"Zum ersten Mal erklärten junge, wohlerzogene Leute von relativ hohem wirtschaftlichen und kulturellen Niveau öffentlich, dass sie keine Kinder haben wollten und nicht den Wunsch hatten, den Ärger und die Last, die mit dem Großziehen von Sprösslingen verbunden war, zu ertragen." S. 66

"Und wenn jemand einen Menschen wegen seiner Schönheit liebt, liebt er ihn dann wirklich? Nein, denn die Pocken, die die Schönheit töten, ohne den Menschen zu töten, bewirken, dass er ihn nicht mehr liebt." S. 94

"Wenn wir Kummer haben oder eine Enttäuschung erleben, die uns das Leben vergiftet, sollten wir als Erstes umziehen, alle Fotos verbrennen und niemandem davon erzählen. Verdrängte Erinnerungen verblassen; das kann eine Weile dauern, aber sie verblassen tatsächlich. Das Netzwerk wird außer Betrieb gesetzt." S. 121

"Im ersten Lebensabschnitt wird man sich seines Glücks bewusst, wenn man es verloren hat. Dann kommt ein zweiter Abschnitt, ein Alter, in dem man, sobald sich ein neues Glück abzeichnet, bereits weiß, dass er nur von kurzer Dauer sein wird." S. 173

"Der Höchsten Schwester zufolge gehen die Eifersucht, die sexuelle Begierde und der Wunsch, Kinder zu zeugen, auf den gleichen Ursprung zurück: den Schmerz des Daseins. Der Schmerz des Daseins ist der Grund, weshalb wir in unserer Not die Gesellschaft anderer suchen; wir müssen dieses Stadium überwinden, um den Zustand zu erreichen, in dem die simple Tatsache, da zu sein, als solche schon einen ständigen Anlass der Freude darstellt und in dem die Intermediation nur noch ein reines, frei entfaltetes Spiel ist, ohne dass sich das Dsein darauf gründet. Kurz gesagt, wir müssen die Freiheit erlangen, gleichgültig zu werden, das ist die Voraussetzung für die Möglichkeit vollkommener Gelassenheit." S. 381

"Baudelaire: Tod der Armen
Es ist der Tod, der Trost gibt, ach, und Leben schenkt;
Er ist das einzige Ziel des Daseins, das wir sehen,
Er ist die Hoffnung, die mit ihrem Rausch uns tränkt
Wie Wein und Mut macht, bis zum Abend durchzustehen;

Er ist das Licht, das, tief am Horizont versenkt,
Herflimmert durch den Frost, durch Sturm und Flockenwehen,
Er ist der Gasthof, den das Buch mit Lob bedenkt,
In de man essen kann, ausruhn und schlafen gehen."
S. 415

"Ich hatte die Unschuld wiederentdeckt, einen konfliktlosen Zustand ohne Bedingungen, hatte weder Plan noch Ziel, und mein individuelles Sein verlor sich in einer unbestimmten Reihe von Tagen; ich war glücklich." S. 456

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