In den Mai tanzend, durch die Lüfte wirbelnd. Am Deich (immer wieder Deich, immer wieder ins Meer hinein, ins Meer) sammle ich Pflanzen mit violetten Blüten, um sie zu bestimmen und auch weil sie mir vorher gar nicht aufgefallen sind. Das muss ich wieder gutmachen. Ich hab die Welt selten so schön gesehen (drei Terroristen haben sich in die Luft gesprengt).
Aufs Wasser blickend, nicht zurück, jetzt nicht mehr. Ich zelebriere Engstirnigkeit und Egoismus, sauf mir die Seele ins Klobecken. Schnittwunden, alte Menschen und Lungenembolien; ich habe Angst. Einszweidrei, alles außer Gleichschritt, bitteschön. Meine Klamotten sind so bunt, dass es wehtut.
Ich will in den Wind gestreut werden und so ganz in Gedanken tausend Länder besuchen, zuschauen, wie die anderen leben und streiten. Vielleicht komm ich danach persönlich vorbei. Ich habe gute Laune und Kreislaufstörungen, ich bin entspannt (und rede zuviel, wenn du zuhörst).
Songtextzeilen, Gedankenfasern, Erinnerungsfetzen, ein Schnürsenkel, über den ich stolpere, eine algenbesetzte Spundwand, alles rast, egal, egal.
Hängen Sie mir eine Hydroxy-Gruppe an die Kohlenstoffe und alle werden sagen: and she was great when she was great.
(Könnte ich bitte ein bisschen nachdenken dürfen? Und könntest du mich mal eben küssen?)
Abwechselnd ich im Zug, in der Straßenbahn, auf Inline Skates, seltener auf dem Fahrrad oder im Auto, immer voran, voran und chemische Formeln formulierend (Benzoesäure, Trimethylheptan, was wollt ihr denn noch von mir?). Mikroskopiere pflanzliches Leben, lerne systematische Gruppen der Wirbellosen, bin frustiert, fasziniert, illuminiert, ethanoliert, echauffiert, manchmal nur dekorativ in einer Vorlesung sitzend, mir durch die Haarsträhnen fummelnd, nicht mehr so allein.
Habe das Gefühl, nur noch zuzunehmen und muss aber auch mal nur machen, was ich will oder was ich glaube, tun zu müssen. Gebt mir einen Sport, für den man nicht sportlich sein muss, irgendetwas zum Sich die Eingeweide aus dem Körper stülpen und neugeboren werden.
Einfach alles stimmt und nichts daran wirkt ungeschickt, unpassend, tollpatschig.
Ich rede so schnell, dass ich mich verhaspele, manchmal rot werde, peinlicherweise, aber ich bin da, man fragt mich, was ich davon halte.
Ich bestehe ein paar Prüfungen, komme irgendwie durchs Studium und fahre nach Frankreich.
Zwischendurch schwedische Vokabeln, der Versuch, meine Spanischkenntnisse aufzufrischen, ein paar Menschen, auf die ich keinen Wert mehr lege und andere, die ich manchmal vermisse, wenn ich sie nicht sehe.
Fehlt der Lockenkopf (aber der fehlte schon immer). Komm, Sternschnuppe.
popocatepetl - 27. Apr, 18:35
Ich blicke zurück und weiß nichts, weiß die ganze Zeit gar nichts.
Ich klettere in den Kirschbaum und spucke Kerne auf den Asphalt. Wenn du kommst, mich zu holen: Ich bin gar nicht da. Je ne serai jamais ici, de acuerdo?
Ich blicke von hier aus in mein Gesicht von damals und sehe nur Unwissenheit. Und wüsste ich jetzt alles besser, es wäre doch nichts anders. Ich sehe die Gleise, das Kopfsteinpflaster und wie du mich in deine Arme schließt. Ich höre, wie du mir französische Worte zuflüsterst, lüsternbekloppt, wie du mir ein bisschen mehr Rum einschenkst als dir, wie du mit deinen Freunden sprichst oder mit denen, die du so nennst; ich bin berauscht.
Ich gebe zu: Ich betrinke mich immer noch an den Erinnerungen. Wie du sagst, dass du mich liebst, beispielsweise, wie dir Schweißtropfen auf der Stirn stehen, wie du heulst vor Angst, wie du verächtlich auf mich herabblickst.
Ich weiß, dass es nichts ändert, dass es absolut gar nichts ändert, ob ich nun auf einer Wiese liege, alleine, oder in der Mensa sitze ("Ich bin alleine hier in einem Raum voller Menschen, die alle wie ich aussehn.") zwischen Tausenden. Davon hängt wirklich nicht ab, wie ich mich fühle.
Und wie ich mich fühle, das weißt du schon gar nicht, du der mir mit einem Lächeln im Gesicht die Fesseln anlegte, eins. Du, der mir die Mondsichel vor der eigenen Nase zerteilt hat, zwei, du, der immer nur die Unmöglichkeiten gesehen hat und nie die Chancen, drei. Du, der doch selbst nichts weiter hat als seinen Körper, vier, und ich bin bis heute nicht sicher, ob dieser Körper mit irgendetwas ausgefüllt ist ([ ] Gehirn, [ ] Seele, [ ] Herz, ...).
Je ne comprends rien und mittlerweile ist mir das fast egal.
Ich will die Menschen nicht analysieren müssen, wenn sie mit mir reden. Will nicht mehr darüber nachdenken müssen, welchen Nutzen sie aus der Bekanntschaft mit mir ziehen oder warum sie sonst freiwillig meine Gesellschaft teilen.
Denn ich sitze jetzt auf dem Kirschbaum und reiche fast an die Sonne.
popocatepetl - 13. Apr, 21:29
popocatepetl - 13. Apr, 13:28
Und ja: Mir schmerzt das Gesicht. Ich habe vraiment Angst, es könnte zerplatzen; überall sind da rote Flecken und ich frage mich, ob ich etwas Falsches gegessen habe oder etwas Falsches getan, gedacht, gewünscht. Oder ob es etwas mit dir zu tun hat.
In der Straßenbahn und abends im Bett philosophiere ich so vor mich hin; ich verzweifle und finde das langsam ganz schön krank, was du hier anrichtest.
Du verstehst nicht, dass ich dich nicht sehen will: okay. Du wirst trotzdem vorbeikommen, sagst du: nicht okay, geradezu beängstigend, obsessiv, krankhaft und ich werde zum paranoiden Gespenst. Ich schleiche durch eins der Treppenhäuser eines Gebäudes auf dem Uni-Campus und, obwohl du nur einmal mit mir hier gewesen bist, fürchte ich, du könntest mich abfangen, irgendwo. Ich will dich nicht nicht wiedersehen, nur, weil ich Angst habe, dass da noch Gefühle sein könnten - so wie du die Sache gerne hinstellst; ich will dich wirklich nicht sehen, weil ich wirklich und überhaupt nichts mehr von dir wissen will und nichts mehr für dich empfinde als Wutangsthassenttäuschung.
Ich habe vergessen,
wie es geht,
how to walk
and how to speak.
Oder die roten Flecken rühren daher, dass ich für diesen Anderen nichts besonderes bin. Dass er mit mir telefoniert wie mit jeder anderen. Mit mir, von der er genau weiß, dass ich so gut wie nie telefoniere, jedenfalls nicht ohne Sinn und Verstand, nicht einfach so, sondern nahezu ausschließlich mit einem Zweck dahinter.
Spite and malice.
Ich bin der traurigste Song der Welt, das größte Häufchen Elend des Universums. Manchmal fühlt es sich komisch an, in mir gefangen zu sein. Nur noch die Dinge zu tun, die von mir erwartet werden und da nicht mehr rauszukommen, niemals. Ich kann nicht einfach so mit dir sprechen, meine Liebe, weil ich das noch nie getan habe und es komisch wäre, diese Mauer zu zerbrechen, den Schall hinter sich zu lassen, noch einmal von vorne anzufangen.
Manchmal gehe ich eine Straße entlang und weiß nicht, wohin, weil es nicht ich bin, die einen Fuß vor den anderen setzt, sondern irgendeine stoische Mechanik, die mich antreibt und, sobald ich mich wehre, ins Stolpern bringt. Manchmal kann ich einfach nicht stehenbleiben.
Ich kann dich nicht anlächeln, ich kann dir nicht antworten, nur irgendeinen blöden Spruch bringen oder anfangen, zu stottern, weil du es bist und du viel stärker bist als ich, weil du dir erlauben kannst, so zu sein, wie du bist, locker und fröhlich, und ich kann es nicht. Du fragst, wieso ich Schwedisch lernen möchte; ich könnte stundenlang darüber reden, aber so genau will das doch keiner wissen. Ich bin schon in der ersten Stunde irgendwie unterfordert, aber kann das nicht zugeben, weil ich diese Rolle, die mir auf den Leib geschrieben scheint, nicht mehr haben möchte: Ich will von euch nicht hören, wer ich bin.
Ich würde es gerne selbst wissen und nicht immer weiterjagen müssen und suchen und nie erfahren, nur selten kurz schmecken, kurz riechen dürfen. In einem Sonnenstrahl oder in einer Schneeflocke, in einem Funken oder in einem Kuss, im Alkohol oder in einem Lied,
wann endlich mit dem Herzen?
Die Seele versteckt sich ichweißnichtwo.
popocatepetl - 7. Apr, 22:53
Du sitzt wieder da und kannst deine Hände nicht von mir lassen. Ich entwinde mich; ich will alleine meine Haarsträhnen verzwirbeln, meine Wimpern ausreißen, meine Arme zerkratzen. Und als ich also gehe, höre ich dich noch verzweifelt-hysterisch kreischen und denke: "Es ist viel zu hell hier". Mir brennt die Retina, die Kehle und in mir die Sehnsucht. Ein Schluck, ein Zug, eine Spritze. Was ist dein Glück mir wert?
Als ich dir Tür schließe und mich zum ersten Mal nicht nach dir umdrehe, als ich in den folgenden Tagen deine Anrufe, deine Briefe, deine erbärmlichen Betteleien ignoriere, erst dann wird mir klar, dass ich gegangen bin.
Oh, ich will dich nur vergessen. Im Regen unter Straßenlaternenlicht, im Sturm auf der Deichkrone, unter der Sonne auf dem alten Feldweg, den du nie mit mir gegangen bist und der mir deswegen ganz allein gehört, unter den Sternen in meinem Bett. Aber du klebst in den Bettfedern, zerrinnst bittersüß zwischen meinen Fingern, doch bleibst fragmentweise unter meinen Nägeln hängen, auf den Zähnen; denn du bist in der geatmeten Luft und zwischen den Nasenhärchen. Ich verbrenne nichts - anders als ich mir vorgenommen hatte. Nach ein paar Tagen schon sitze ich auf einer Mauer, fußwippend und allein, im Gesicht leicht gerötet von frühlingshafter Sonne, die Zuschauerränge in Fußballstadien erwärmt, und lächle jedem Lockenkopf heimlich hinterher.
An einem anderen Tag betrachte ich seine buschigen Augenbrauen und seine vollen, geschwungenen Lippen. Ich erkenne ihn sofort wieder. Als ich ihn höre, trifft mich fast der Schlag. Ja, das ist die gleiche Mundart wie damals und es ist immer noch der Mensch, der es einmal war.
Keine Ahnung, ob das bei mir genauso ist.
Ich hoffe nicht und manchmal hoffe ich es doch, hoffe, dass irgendeine Eigenart an mir liebenswert ist und wiedererkannt wird und hoffe, dass sich jemand in mich verliebt, in den ich mich auch verlieben könnte. Krank. Irgendwie.
Ich will mich nicht mehr selbst zerstören, obwohl mir manchmal schrecklich langweilig ist, ich kaum aus dem Bett komme und sich alle Glieder schwer anfühlen.
Ich weiß ja, da sind auch andere Momente.
Tage, an denen ich mit eisernem Willen einen Weg gehe und auf einmal die Sonne auf mein Haupt scheint. Tage im Schwimmbad, Tage, an denen ich abends vom Bahnhof nach Hause hüpfe. Tage, an denen ich beim Autofahren so laut singe, dass mich Fußgänger komisch anstarren. Tage, an denen ich neue Wörter lerne oder an meine Zukunft denke.
Ich glaub, ich will das alles wirklich nicht mehr zerstören.
popocatepetl - 2. Apr, 13:45
Jetzt willst du mich auch noch wiedersehen.
Aber ich glaube nicht, dass es mir genauso geht. Ich glaube nicht, dass ich dich jemals, also zumindest nicht in den nächsten paar Wochen, wiedersehen möchte. Es schmerzt zu sehr, dass du jetzt, da ich gegangen bin, vorgibst, mich erkannt zu haben. Auf einmal funktioniert es ganz blendend, wenn ich ein Kleidungsstück trage, dass nicht in deine Spießerwelt passt, es scheint dir zu gefallen, wenn ich bei einem Lied herumspringe, einfach so. Auf einmal macht es dir nichts aus, wenn ich gerne spazieren gehe und dabei Fotos von unberührter Natur schieße. Oh, ich gefalle dir so wahnsinnig. Du willst mich einfach nur zurück.
Und nein, mich kriegt man nur einmal und das ist jetzt vorbei.
Und ich schäme mich, dass wir uns manchmal tatsächlich über solche Dinge gestritten haben, die trivial sind und die jeder verdammte Kerl verstehen und akzeptieren würde, der mich nur ein bisschen mag.
Wie krank ist es, auf ein Mädchen sauer zu sein, das alleine auf ein Festival fährt? Und dann noch eingeschnappt zu sein, weil es vorschlägt, du könntest ja mitkommen.
Nein, das willst du nicht.
Also wirf mir nicht vor, egoistisch zu sein, weil ich gerne tanze.
Weil ich manchmal lieber ein Buch lese als sinnlos auf dem Bett herumzuliegen.
Aber auch, weil ich manchmal gerne allein bin.
popocatepetl - 29. Mrz, 20:28
Gerade gerät alles aus den Bahnen und ich spiele tatsächlich mit dem Gedanken, nach Bremen abzuhauen. Nur für eine Nacht und dann vielleicht weiter zu sehen oder auch nicht; vielleicht renne ich weiter mit dem Brett vor dem Kopf durch Norddeutschland, hetze weiter von einem Ort zum nächsten, bin paranoid im Supermarkt, kaufe mir ein Eis oder eine schwarze Hose und muss mir vorwerfen lassen, eiskalt und ignorant zu sein. Nur nicht stehenbleiben; denn dann tut es weh, denn dann merke ich, wie es mir geht, denn dann denke ich nach und ich will dich vergessen.
"Du bist der wundervollste und hübscheste Mensch der Welt. Egal, ob in Chucks oder im Müllsack, mir egal mit welchem Musikgeschmack. Ich will dich in den Arm nehmen, wenn es dir schlecht geht und mich mit dir freuen, wenn es dir gut geht. Irgendwann... irgendwann wirst du mir das glauben."
Das fällt dir jetzt ein?
Du spielst uns alle gegeneinander aus und wenn ich also an dich denke, erscheint mir das Wort Hass fast zu weich. Du erzählst Dinge über mich, die nicht wahr sind und mir, dass mich alle als lästig empfinden und weil du weißt, dass man mir leicht ein schlechtes Gewissen und Minderwertigkeitskomplexe einreden kann, zelebrierst du das so richtig.
Und dann bin ich auf einmal der wundervollste Mensch?
Du sezierst jede Herzkammer einzeln, nimmst hier ein Stückchen mit, da eine Faser - und was du zurücklässt sind Gefühlsfetzen, liebesschwürestammelnde Muskelzellen, ein zitterndes Seelengerüst, das sich am liebsten von der Autobahnbrücke stürzen würde.
Und du wagst es, mich überreden zu wollen? Du wagst es, zu äußern, dass ich dir fehle?
Ohja, du bist jetzt so anders und du empfindest ja so viel für mich.
Aber ich, ich sei die, die hier kalt ist, die keine zweiten Chancen verteilt, engstirnig und stur ist.
Merkst du nicht, wie du noch immer nur mich verantwortlich machst? Siehst du nicht einen Meter weit?
Blabla, du kennst dich aus mit mir, du kennst jede verdammte Muskelfaser?
Achja? Woher willst du wissen, was ich denke, was ich fühle, warum ich heule?
Und wenn ich nur heule, weil es mir Leid tut, dass du mir nicht Leid tust?
Wenn ich nur heule, weil es mir Leid tut, dass ich rein gar nichts mehr für dich empfinde (außer HassHassHass)?
Du bist zum Kotzen.
Ich heul doch nur, weil du das vielleicht schon immer gewesen bist.
Ich heul doch nur, weil ich Zeit verschwendet habe.
Ich heul doch nur, weil ich mir etwas von dir sagen lassen habe.
Und ich sollte nicht mehr heulen, weil du der Tränen nicht wert bist.
popocatepetl - 27. Mrz, 18:15
"Es scheint Leute zu geben, die nicht an die Liebe auf den ersten Blick glauben; auch wenn sie nicht immer buchstäblich durch den allerersten Blick ausgelöst wird, lässt sich nicht leugnen, dass man die gegenseitige Anziehung sehr schnell spürt [...]." S. 28
"Du bist jemand, der eine völlig unnormale Offenheit besitzt. Ich weiß nicht, ob irgendein besonderes Ereignis in deinem Leben dafür verantwortlich ist oder ob es durch deine Erziehung oder sonst was ausgelöst wurde; auf jeden Fall besteht kaum die Chance, dass sich so ein Phönomen in dieser Generation wiederholt. Die Leute brauchen dich tatsächlich, mehr als du sie brauchst [...]. Wir versuchen eine Welt zu propagieren, in der sich die Leute nur noch für gekünstelte, oberflächliche Dinge interessieren; Ernst oder Humor haben darin keinen Platz mehr, stattdessen stürzen sich die Leute bis zu ihrem Tod in eine Suche nach fun und Sex, die immer verzweifelter wird, eine Generation von endgültigen kids." S. 33
"Zum ersten Mal erklärten junge, wohlerzogene Leute von relativ hohem wirtschaftlichen und kulturellen Niveau öffentlich, dass sie keine Kinder haben wollten und nicht den Wunsch hatten, den Ärger und die Last, die mit dem Großziehen von Sprösslingen verbunden war, zu ertragen." S. 66
"Und wenn jemand einen Menschen wegen seiner Schönheit liebt, liebt er ihn dann wirklich? Nein, denn die Pocken, die die Schönheit töten, ohne den Menschen zu töten, bewirken, dass er ihn nicht mehr liebt." S. 94
"Wenn wir Kummer haben oder eine Enttäuschung erleben, die uns das Leben vergiftet, sollten wir als Erstes umziehen, alle Fotos verbrennen und niemandem davon erzählen. Verdrängte Erinnerungen verblassen; das kann eine Weile dauern, aber sie verblassen tatsächlich. Das Netzwerk wird außer Betrieb gesetzt." S. 121
"Im ersten Lebensabschnitt wird man sich seines Glücks bewusst, wenn man es verloren hat. Dann kommt ein zweiter Abschnitt, ein Alter, in dem man, sobald sich ein neues Glück abzeichnet, bereits weiß, dass er nur von kurzer Dauer sein wird." S. 173
"Der Höchsten Schwester zufolge gehen die Eifersucht, die sexuelle Begierde und der Wunsch, Kinder zu zeugen, auf den gleichen Ursprung zurück: den Schmerz des Daseins. Der Schmerz des Daseins ist der Grund, weshalb wir in unserer Not die Gesellschaft anderer suchen; wir müssen dieses Stadium überwinden, um den Zustand zu erreichen, in dem die simple Tatsache, da zu sein, als solche schon einen ständigen Anlass der Freude darstellt und in dem die Intermediation nur noch ein reines, frei entfaltetes Spiel ist, ohne dass sich das Dsein darauf gründet. Kurz gesagt, wir müssen die Freiheit erlangen, gleichgültig zu werden, das ist die Voraussetzung für die Möglichkeit vollkommener Gelassenheit." S. 381
"Baudelaire: Tod der Armen
Es ist der Tod, der Trost gibt, ach, und Leben schenkt;
Er ist das einzige Ziel des Daseins, das wir sehen,
Er ist die Hoffnung, die mit ihrem Rausch uns tränkt
Wie Wein und Mut macht, bis zum Abend durchzustehen;
Er ist das Licht, das, tief am Horizont versenkt,
Herflimmert durch den Frost, durch Sturm und Flockenwehen,
Er ist der Gasthof, den das Buch mit Lob bedenkt,
In de man essen kann, ausruhn und schlafen gehen."
S. 415
"Ich hatte die Unschuld wiederentdeckt, einen konfliktlosen Zustand ohne Bedingungen, hatte weder Plan noch Ziel, und mein individuelles Sein verlor sich in einer unbestimmten Reihe von Tagen; ich war glücklich." S. 456
popocatepetl - 15. Mrz, 15:08
Die Gespräche, die wir führen, zwischen einem Sektflötchen, randvoll, und einer konsumgeilen Fernsehsendung, irgendwie stupide:
Hab gehört, morgen wird ein lustiger Abend. Du, hauchst das so in den Raum hinein.
Oder: Warum du sauer bist, wenn es keinen Streit gibt.
Ich: Du wiederholst dich. Aber, ganz lapidar: Wie ist das Wetter?
Hast du mich schon einmal gefragt.
Can't remember. Ich weiß die Antwort trotzdem nicht und schlucke.
Du wirst langsam wütend, rot im Gesicht, Schweißausbruch, Pille nachwerfen, Lichtstrahl trifft Pupille, trifft Linse, trifft Netzhaut. Gehirn nicht mehr da. Signalverarbeitung gleich null, dabei sehe ich heute umwerfend aus.
Du findest, das sei ein ernstes Thema.
Du findest, man müsse vielleicht (vielleicht sagst du!) einmal eine Entscheidung fällen.
Warum? Ich, ganz blauäugig, obwohl grün, eigentlich.
Sonst wisse man nicht, wie man sich zu verhalten habe.
Und das irritiert mich nun völlig. Wissen, wie ich mich zu verhalten habe, ob das überhaupt eigentlich sowieso so etwas wie erstrebenswert ist, ob das vielleicht glücklich macht, ob das denn weiterhilft - Fragen, die mich nun beschäftigen.
Bessere Idee, wahrscheinlich, ziemlich sicher: Ein bisschen Alkohol.
Wir betäuben das Ganze, nehmen dem Ganzen die Luft und stattdessen einen Zug Helium, Lachgas, whatever.
Und dann? Was weiter? Was heißt lieb haben (sich, dich, mich, uns)?
Ich zitiere: kuscheln, Händchen halten, Butzis, ficken.
Und bin ein wenig entsetzt-verstört. Ich glaub, das ist nicht so das, was ich will.
Muss mich setzen, erreiche eine Parkbank, es hat gehagelt, im März, gerade eben, es ist kalt, meine Haare hängen schief und nerven nur noch.
Ich versuche angestrengt, zu überlegen. Es will nur ab und zu klappen, bin mir nicht sicher, ob das nun Denken ist oder nur der Versuch oder was das ändert.
Ich knibbele an einem Hautfetzen am rechten Mittelfinger, will ihn nicht ausstrecken, das könnte missverstanden werden.
Ich glaub nicht, dass ich das bin.
Glaube nicht, das erreichen zu können oder zu wollen oder zu müssen, und wenn ich es muss in dieser Welt, auf diesem Planeten oder in diesem Land, dieser Stadt, dieser Gesellschaft, dieser Schicht, oder in deinem Denken: dann bin ich wohl falsch hier.
Du bist traurig, ich versteh das.
Ich drücke mir eine Träne ab, damit du denkst, das würde mir etwas bedeuten, dabei bin ich einfach nur schockiert, fassungslos und einsam.
Ich wünschte, du würdest gehen, ohne mich zu verurteilen.
Ich wünschte, du würdest gehen.
Es hagelt wieder.
Kapuze auf, weitergemacht.
Abgehauen, irgendwo in den Bus gestiegen, dort ausgestiegen, wo es so aussah, als wär es zuhause. Auf dem Wanderweg: alles glatt. Der Wind weht eine Zigarettenkippe in den Graben.
Bist du der Wind oder ich?
popocatepetl - 6. Mrz, 20:10